Punktschriftunterricht für einen taubblinden Menschen in der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte


Ein Erfahrungsbericht von einem taubblinden Menschen

Ich bin 55 Jahre alt und taubblind, doch das war nicht immer so. Von Geburt an nur leicht sehbehindert konnte ich Regelschulen besuchen und ein Hochschulstudium absolvieren, an dessen Ende eine Schwerhörigkeit auftrat. Während meiner Tätigkeit im öffentlichen Dienst des Bundes bin ich im Alter von 34 Jahren ertaubt, und als die nachlassende Sehkraft einen Ausgleich des Hörverlustes nicht mehr ermöglichte, wurde ich mit 47 Jahren pensioniert. Seit zwei Jahren bin ich gesetzlich blind, kann aber noch Texte in farbumgekehrter Darstellung (weiße Schrift auf schwarzem Grund) an Lesegerät und Monitor lesen. Das aber wird so nicht bleiben und ich werde einmal die Punktschrift brauchen.

Die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte hat ein großes Interesse daran, die rehabiliative Förderung von taubblinden und hörsehbehinderten Menschen in Zukunft stärker auszubauen. Dazu findet derzeit probeweise ein Braillekurs mit mir statt, durch den geklärt werden soll, wie ein Taubblinder zu unterrichten wäre und wie der Assistenzbedarf dafür aussähe. Zuvor wurde dafür mein Fingerspitzengefühl geprüft, ob ich die Punkte überhaupt spüre, wie viele und welche es sind. Da ich damit kein Problem hatte, fahre ich nun einmal in der Woche mit einer lormkompetenten Gebärdensprach-Dolmetscherin nach Frankfurt in die Stiftung.

Dort wird zunächst der Lernfortschritt kontrolliert und erforderlichenfalls korrigiert, anschließend kommen neue Buchstaben dazu und ich erhalte neues Übungsmaterial für zu Hause. Weil ich akzent- und fehlerfrei spreche, kann ich problemlos alles fragen und Rückmeldung geben. Die Anleitungen der Rehalehrerin werden von der Dolmetscherin lormend übersetzt, und da ich als Spätertaubter mit der Lautsprache vertraut bin und seit einigen Jahren lormen kann, kann ich das gut aufnehmen und verstehen. Allerdings musste die Rehalehrerin sich auf diese Art der Kommunikation erst einstellen, also nicht zu schnell sprechen, damit die Dolmetscherin mitkommt, aber auch nicht mit zu langen Pausen, damit die Sätze nicht zerrissen werden. Das hat sich jedoch schnell eingespielt und die Kommunikation läuft nun fließend. Auch die Handhabung einer Punktschrift-Schreibmaschine habe ich mir so erklären lassen. Das Lesen der Übungstexte und das Aufnehmen des Gelormten fordern aber sehr die Konzentration, weshalb öfters kleine Pausen gemacht werden müssen.

Begonnen wurde mit den vier Buchstaben A, B, L und K, die mit den Punkten der linken Linie geschrieben werden, so dass durch die freie rechte Linie etwas Leerraum zwischen den einzelnen Buchstaben ist. Dadurch kann beim Lesen erst einmal eine gewisse Sensibilität für das Fühlen der Punkte und die Größe der Punktschrift-Buchstaben entwickelt werden. Dann folgten die ersten Buchstaben mit einem Punkt in der rechten Linie: I, S und die Silbe AU, danach O, M und E, danach H, F und U. Bis hierhin waren es nur Buchstaben, die mit einem, zwei oder drei Punkten dargestellt werden und vergleichsweise leicht zu fühlen sind. Diese Vorgehensweise ist dann angezeigt, wenn man die Punktschrift nicht über die sogenannte Tastanbahnung lernt, sondern gleich in der üblichen Schrift- und Druckgröße.

Anschließend wurde es anspruchsvoller, denn neben weiteren Drei-Punkte-Buchstaben kamen nun – beginnend mit R und N – die Buchstaben mit vier Punkten dazu. Eine Herausforderung für mich waren dabei die Buchstaben für die Silben AU, EI und EU, das IE und für CH, SCH und St. Für jemanden, der einmal einen Schreibtischberuf ausgeübt und täglich in Schwarzschrift gelesen und geschrieben hat, ist es gewöhnungsbedürftig, daß ein Wort wie beispielsweise „Schach“ in Punktschrift mit nur drei Buchstaben geschrieben wird.

Mit zunehmender Buchstabenzahl steigt auch der Schweregrad des Übungsmaterials. Die Wörter werden mehrsilbiger, es kommen Fremdwörter dazu und mit den ersten Halbsätze und Redewendungen die Satzzeichen Komma und Punkt. Auf diese Weise werde ich langsam an das Lesen sinnhafter Texte herangeführt.

Bei dieser Vorgehensweise ist allerdings viel Eigeninitiative erforderlich. Einmal in der Woche Unterricht genügt nicht. Man muss täglich üben, um ein immer besseres Fühlen zu erreichen und sich die Punktekombination der Buchstaben einzuprägen. Es ist daher sinnvoll, mit einer Punktschrift-Schreibmaschine Blätter zum Üben zu beschreiben, weil man sich gerade beim Schreiben die Anordnung der Punkte ins Gedächtnis rufen muss und sie sich dadurch immer besser merkt.

Wie immer führen diszipliniertes Arbeiten und Geduld mit sich selbst zum Erfolg, und meine Stammtisch-Genossen vom Hörsehbehinderten-Stammtisch der Bezirksgruppe Marburg des BSBH haben sich über meine ersten kleinen Punktschriftbriefe gefreut. Ein Mitglied hat mir eine Punktschrift-Schreibmaschine geliehen, zwei andere ein Taschenalphabet und einige Blätter Punktschriftpapier geschenkt. Daher sollten sie lesen, daß ihre Unterstützung nicht vergeblich war.

© Heike Herrmann-Hofstetter

Die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte unterstützt blinde und sehbehinderte Menschen dabei, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte FSBS
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