
Doris Baum: „Die Einladung der blinden Venus“, 2009, Öl auf Leinwand, 200 x 130 Zentimeter; Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, www.dorisbaum.de
Ein Gemälde in kräftigen Farben: Eine Frau steht in einem langen, dunkelgrünen Seidenkleid auf einer Wiese. Um sie herum sind, wie ausgeschnitten, bunte Blüten verstreut. Ihr langes, braunes Haar fällt auf ihre nackten Schultern. Sie hält einen Blindenstock, dessen Ende von weißen Blümchen umspielt wird. Im Hintergrund leuchtet ein rotblauer Himmel.
„Dieses Bild ist wie eine Zwillingsschwester“
Heike Herrmann, 48
„Ich möchte mit diesem Bild die Einladung aussprechen, genau die zu sein,
die man eben ist. Die innere Strahlkraft nach außen strahlen zu lassen und das
Handicap lediglich einen Teil des Gesamtkonzeptes sein zu lassen!“ So erklärte
ich Doris meine Message, während ich ihr Modell stand, barfuß auf einer Matte,
in meinem grünen bodenlangen, seidenen Kleid.
Wir hatten uns in einem Marburger Netzwerk von Unternehmerinnen kennen gelernt.
Beraterinnen, Grafikerinnen, selbstständige Bürokauffrauen, Therapeutinnen,
Malerinnen, Rechtsanwältinnen, Übersetzerinnen, Clowninen und viele mehr
begegnen sich dort, um sich auszutauschen und gegenseitig zu beflügeln. Bei
einem Treffen erzählte ich von meiner Idee, einen Kalender mit schönen blinden
Frauen und Männern zu erstellen. Der Titel für das Projekt steht schon fest:
„Venus und Mars“. Daraufhin kam die Malerin Doris Baum auf mich zu und fragte,
ob mir bewusst sei, welche sinnliche, weibliche Ausstrahlung ich hätte und ob
sie mich malen dürfte. Natürlich fühlte ich mich sehr geschmeichelt.
Einige Monate später saßen wir in der wunderschönen Frühlingssonne auf einer
Parkbank, umgeben von einer Wiese, uralten Bäumen, Wasser und Enten. Wir
sprachen über meine synästhetische Wahrnehmung, Tage, Monate und Zahlen in
verschiedenen Farben vor mir zu sehen. Doris erfühlte ihre Assoziationen von
Farben, bezogen auf meine Person. Es entstanden Ideen, wie das Bild farblich
gestaltet sein sollte, in welcher Kleidung und Position ich mich darstellen
wollte. Wir tauschten uns über unser Leben, unsere Kinder, unsere beruflichen
Vorstellungen aus. Ohne einen persönlichen Bezug zueinander ist es nicht
möglich, so tief und eng miteinander zu arbeiten, wie es das Malen eines Bildes
erfordert – dies lernte ich von Doris.
Doris wollte mich in Grün malen. Wir ersannen gemeinsam das Bild der Venus,
Göttin der Liebe und der Schönheit, aber auch der Natur und der Blumen, und
sahen sie in einem langen Kleid daherschweben, verschmolzen mit einer grünen
Wiese, umrahmt von ihren langen Haaren. Ich bestand darauf, dass diese Venus
ihren – meinen – Blindenstock trägt, wie hätte sie – ich – sonst an diesen Ort
kommen sollen. So wurde aus der Venus eine blinde Venus und aus dem Bild
schließlich „Die Einladung der blinden Venus“.
Einen Menschen zu malen ist etwas völlig anderes als ihn zu fotografieren und
ich sollte merken, dass es etwas völlig anderes ist, gemalt zu sein als Fotos
von sich selbst zu besitzen, sie weiterzugeben oder auch zu veröffentlichen.
Dieses Bild in Lebensgröße empfinde ich wie einen Teil von mir, als sei es meine
Zwillingsschwester, die erschaffen wurde.
Originalbeitrag aus der "Gegenwart", Mitgliedermagazin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Ausgabe 1/2010