
Wiedergewonnene Souveränität durch die Entscheidung den Blindenstock zu benutzen obwohl ich immer Angst hatte gerade diese Souveränität dadurch zu verlierenDiesen Prozess kennen sicherlich viele, die, wie ich, späterblindend sind.Meine Augenkrankheit heißt retinopathia pigmentosa (RP). Ich habe bis zu meinem siebten Lebensjahr „normal“ gesehen, dann wurde es in Schüben immer schlechter. Ich habe mich aber eigentlich nie wirklich eingeschränkt gefühlt. Ich bin gereist, mit zwanzig noch Fahrrad gefahren und habe mich für meine Begriffe frei bewegt. Nach der Geburt meiner Kinder hatte ich einen sehr großen Schub, der mich zum ersten Mal richtig zurückwarf. Ich zog mich ein wenig zurück, konnte aber Tricks entwickeln, dies für mich zu kompensieren. Es gab immer weitere Schübe, die ich aber immer wieder kompensieren konnte, so dass ich mich immer noch gut frei bewegen konnte, einkaufen ging und mich nicht besonders eingeschränkt fühlte. Während ich mein Studium mit mitte dreissig abschloss, zog ich mich zwei Jahre zurück und als ich aus dieser Zurückgezogenheit wiederkehrte, merkte ich, dass ich plötzlich kaum noch etwas sah. Ich lief Wege entlang und blieb immer wieder völlig entsetzt stehen und sagte laut: „Ich sehe einfach nichts mehr, ich sehe nichts mehr!“ Das war so schockierend für mich, ich brauchte bestimmt zwei Jahre, um dies wirklich zu realisieren. Ich tat das, was, glaube ich, viele in dieser Situation tun, ich entwickelte eine Vermeidungstaktik. Ich vermied es, allein komplizierte Wege zu gehen bis sich mein eigener Radius irgendwann auf drei, vier Wege eingeschränkt hatte. Es dauert so lang, bis man sich wirklich eingesteht: „Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Du unternimmst etwas oder Du bleibst zu Hause sitzen.“ Aber was heisst das, etwas unternehmen? Es war mir klar, dass ich niemals diesen verhassten Stock in die Hand nehmen würde. Dieser Stock, durch den man „stigmatisiert“, „entmündigt“ und „ausgegrenzt“ ist, durch den man nicht mehr dazu gehört und als Frau nicht mehr als Frau gesehen wird. Durch den man letztendlich seine Souverenität als freier Mensch verliert und zum Behinderten abgestempelt wird. Ich hatte das sichere Gefühl, wenn ich diesen Stock nehmen müsste, sei mein Leben nicht mehr lebenswert. Auch hatte ich Angst, durch den Stock nicht mehr mitfließen, nicht mehr ein- und untertauchen zu können im Strom der Menge, sondern, wie es jemand einmal so schön sagte: „Immer der bunte Hund zu sein“. Diesen Zustand durchlebte ich noch weitere zwei Jahre. Ich überlegte, mir einen Blindenführhund zur Hilfe und Unterstützung an die Seite zu nehmen. Als meine Krankenkasse dies aber ohne vorhergehenden Orientierungs- und Mobilitätsunterricht verweigerte, ging ich ein Wochenende in mich und versuchte Klarheit zu gewinnen, ob ich diesen Bescheid annehmen oder mich dagegen wehren solle. Inzwischen hatte ich natürlich viele Gespräche geführt. Dabei war mir klar geworden, dass ich nicht den Blindenführhund wählte, weil dies in mir als die richtige Entscheidung gereift war. Vielmehr wollte ich darum herum kommen, mich mit Stock als Behinderte zu outen. Mit Blindenführhund sieht man eben doch nicht so „behindert“ aus - so empfand ich es. Langsam wurde mir klar, dass dieser Konflikt nicht durch einen Blindenführhund zu umgehen war. Ich würde damit diesem Hund eine viel zu große Verantwortung übergeben und ihn auch missbrauchen. Zunächst musste ich lernen zu akzeptieren, dass es ohne outen nicht mehr ging. Erst einmal musste ich mich mit Stock outen und zurechtkommen, dann würde ich mich auch frei für einen Hund entscheiden können. Es ist ein langer Prozess, das eigene Bild von sich zu verändern. Es passte einfach nicht in mein Selbstbild, mit Stock
zu gehen, bis mir eine Freundin sagte: „Es ist eine Schande, dich so durch die Gegend tasten zu sehen. Du bist doch sonst so
selbständig.“ Da habe ich gemerkt, dass das Bild, das ich von mir habe, so nicht mehr stimmt. Ich musste lernen, dieses Bild
von mir mit Stock zu akzeptieren und mich damit wertvoll, liebenswert, souverän, mit einem Wort: normal zu empfinden. Das
war eigentlich der entscheidende Schritt, zu realisieren, dass es nicht darum ging, was andere mit mir machen, sobald ich
diesen Stock habe, sondern was ich damit verbinde, und wie ich mich damit empfinde. Vielleicht haben wir Späterblindenden es
so schwer, weil wir in Bildern denken. Dieses Bild „ich mit Stock“ konnte ich einfach so lange nicht akzeptieren, bis eben
jene Freundin sagte: „Du bleibst die gleiche auch mit Stock, du bist nur jetzt nicht mehr du. Du bist momentan ein Schatten
deiner selbst.“ Ich hatte bis dahin diese unbestimmte Angst, dass, sobald ich den Stock in der Hand hätte, er sichtbar
würde, sich automatisch die Welt um mich herum verändern würde. Nun wurde mir allmählich klar, dass das etwas war, was sich
in meinem Kopf abspielte, was etwas mit meinem Bild von Menschen mit Stock zu tun hatte. Paradoxerweise trug ich den Stock
schon lange zusammengeklappt und gut versteckt mit mir, als Zeichen, wie verantwortungsvoll ich mir gegenüber war. Falls ich
einmal nicht mehr klar käme, hätte ich ihn ja bei mir. Es war schon ein großer Schritt, ihn dann manchmal, wenn wirklich
kaum noch etwas ging, zusammengeklappt in der Hand zu tragen. Ich merkte sofort die Erleichterung, weil einem die Menschen
verständnisvoller begegneten. Auch blickte oder besser hörte ich in den letzten zwei Jahren schon immer ganz neidisch auf
Menschen mit Stock, denn ich spürte, dass diese mir um Meilen voraus waren. Dass sie das schon geschafft hatten, wozu ich
noch nicht in der Lage war. Als ich dann meine erste Unterrichtsstunde in Orientierung und Mobilität hatte, veränderte sich mein Gefühl zum Stock
ziemlich schnell. Erst einmal zeigte mir mein Rehabilitationslehrer , wie man ihn richtig in der Hand hält. Ich spürte, dass
ich meine eigene Art zu gehen entwickelte, dass ich den Stock in mein Körpergefühl integrierte, und solange mein
Rehabilitationslehrer neben mir ging, konnte ich auch irgendwie ein Spiel daraus machen. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Plötzlich war alles so einfach, und niemand kam mir blöd oder „entmündigte“ mich. Ganz im Gegenteil, ich lief an der Lahn entlang, mitten im Sommer, Menschen über Menschen, Fahrräder, Kinder, keiner war genervt, keiner machte mich blöd an, ich lief nirgendwo gegen, man machte mir selbstverständlich und unkompliziert Platz, ja: Ich gehörte wieder dazu, ich war jetzt wieder normal! Jetzt konnte ich wieder mitfließen, dabei sein, dazugehören, einfach laufen. Ich lief und lief die Lahn entlang, ich wäre am liebsten noch Stunden gelaufen, aber davor hatte ich doch noch ein bisschen Angst. Ich kann dieses Gefühl gar nicht heftig genug beschreiben. Genau das Gegenteil von dem, wovor ich mich fürchtete, trat ein. Die Veränderung war genau umgekehrt. Ich spürte so deutlich, dass ich vorher, in den letzten Jahren, in denen ich nur verkrampft durch die Gegend tappste, nicht mehr dazugehörte; dass ich mich selber ausgrenzte und auf keinen Fall mitfließen konnte! Natürlich gab es auch komische Momente! Am Anfang bin ich ganz schnell gegangen. Ich hatte immer Angst, sobald ich stehen bleibe, fragt mich jemand, ob er mir helfen könne. Es ist aber auch so, dass ich jetzt nicht so tun will, als sei Behinderung nicht schlimm. Die Situation ist jetzt so,
wie sie ist. Ich bin sehr erleichtert, dass ich mich endlich zu diesem Stock durchgerungen habe. Aber es ist natürlich
ebenso klar, dass ich alles darum geben würde, nicht blind zu werden und wenigstens wieder so „schlecht“ zu sehen wie
früher. Ich leide darunter, dass ich blind werde, und unter all dem, was ich nicht tun kann. Ich leide auch darunter, wenn
ich spüre, dass ich nicht für voll genommen werde, mal weniger und mal mehr, je nach Tagesform. Manchmal laufe ich so mit
dem Stock, sehe der Rollspitze hinterher und denke einfach nur: „Warum eigentlich gerade ich?“ Ich habe in Marburg eine Selbsthilfegruppe zu den angesprochenen Themen gegründet. Zurück zum TextanfangZurück zur Startseite © Heike Herrmann 2007 - 2012 |