Wochenendseminar der Autorinnen des Hörbuches „Blinde-Schönheit“ in Wernigerode
Heike Herrmann, Psychotherapeutische Heilpraktikerin, Klientenzentrierte
Beraterin und Supervisorin sowie Initiatorin und Herausgeberin des
Hörbuches „Blinde-Schönheit“ lud vom 16. bis 18. Oktober 2009 zu einem
Autorinnen-Wochenendseminar nach Wernigerode (Harz) ein. Im Helmut-Kreuz-Haus
fanden wir – 13 Teilnehmer-/innen und ein Blindenführhund namens Filou –, dank
der emsigen Organisationsarbeit der Mitautorin Daniela Rink-Eitler - eine
ebenso angenehme wie für unsere Zwecke geeignete Bleibe.
Wir, das waren neun Autorinnen, Heike Herrmann, Susanne Aatz, Gisela Bechler,
Daniela Rink-Eitler, Heidrun Köllner, Marlis Reinhardt, Ruth Wunsch, Monika Weinrichter
und Brigitte Gürck.
Insgesamt 15 Autorinnen haben das Buch „Blinde-Schönheit“ durch authentische
Texte, durch Fotos, Gedichte und lyrische Statements gemeinsam gestaltet.
Außerdem freuten wir uns über 4 Begleitpersonen, welche zu allen
Veranstaltungen herzlich eingeladen waren und als sehende TeilnehmerInnen von
ihrer Warte aus unsere Diskussionen bereicherten.
Am 16. Okt. Abends leitete Frau Herrmann das Seminar mit der Vorstellung der
drei Säulen nach Carl R. Rogers ein, unser Miteinander sollte auf der Grundlage
von Kongruenz- Echtheit, Empathie - Einfühlungsvermögen und Wertschätzung stattfinden.
Nach einem allgemeinen Bedauern darüber, dass sechs Autorinnen aus
verschiedenen Gründen nicht bei uns sein konnten und dem gegenseitigen Angebot Du
untereinander zu sagen, erzählte Heike Herrmann über ihre Arbeit an dem Buch –
Auswahl der Beiträge, Bildbeschreibungen, Nominierung der Sprecherin usw. Danach
lud sie uns ein, das „Baby“ – sozusagen das Buch – als unser gemeinsames Kind zu
betrachten, „es ist geboren, helfen wir mit, dass es lebensfähig wird.“
In einer sehr ausführlichen Vorstellungsrunde konnte jede Teilnehmerin etwas zu
ihrer Person und – wenn sie es wollte - Einiges zu ihrer Sicht als behinderte
oder Nichtbehinderte TeilnehmerIn sagen. Hier kamen wir recht schnell zur
Thematik der Hilfeleistung zwischen Sehenden und Nichtsehenden, Gut-Meinen und
Überbemuttern wurden angesprochen wie auch das Nicht-Beachtet-werden. Aber auch
die Thematik Beziehungen zwischen behinderten und nicht behinderten Partnern
nahm einen sehr großen Raum ein, so dass der Wunsch entstand dazu am nächsten
morgen einen Workshop durchzuführen. Susanne Aatz bot die Durchführung dieses
Workshops spontan an.
Gegen 22.30 Uhr schloß Frau Herrmann diesen Abend offiziell.
Am Samstag morgen leitete Frau Susanne Aatz, Diplompädagogin und
Peer Counselorin (ISL), den Workshop zu dem Thema Beziehungen an. Es nahmen
alle Autorinnen und beinahe alle sehenden Begleitpersonen an diesem Workshop
teil. In der Eingangsrunde wurden folgende Fragen formuliert:
- 1. Spielt meine Behinderung insbesondere Sehbehinderung oder Blindheit überhaupt eine Rolle bei der Beziehungsgestaltung?
- 2. Wie kann ich als blinde Frau jemanden kennen lernen und eine Beziehung gestalten?“
- 3. Welche Präferenzen haben die Einzelnen? Möchten sie eher einen blinden (ebenfalls behinderten) oder einen sehenden (nicht behinderten) Partner?
In einer ersten Runde formulierten alle Teilnehmerinnen ihre Erwartungen und
Wünsche an den Workshop. Da dies offenbar ein vielschichtiges und immer wieder
aktuelles Thema ist, entwickelte sich die Diskussion dahingehend, dass die
Teilnehmerinnen über Hilfeleistungen und nicht erwünschtes Verhalten zwischen
blinden und sehenden Freundinnen, Familienmitgliedern, Bekannten und/oder
Beziehungspartnern berichteten. Da war es gut, dass wir 2 blinde Frauen hatten,
die mit sehenden Partnern verheiratet sind und sich voll angenommen fühlten. Es
entwickelte sich schließlich ein gegenseitiges Verständnis für die Sorgen und
Nöte sowohl von blinden wie sehenden Menschen. Da wir nur zwei Stunden zur
Verfügung hatten, konnten wir nicht tiefer in die Beziehungsthematik einsteigen.
Das Thema wurde aber von allen Teilnehmerinnen als so wichtig erachtet, dass wir
uns entschlossen, es beim nächsten Treffen 2010 noch einmal auf die Tagesordnung
zu setzen.
Als Ergebnis des Workshops halten wir folgende Erkenntnisse fest:
- Jede ist für Ihr Leben selbst verantwortlich!
- Es ist wichtig die gegenseitigen Erwartungen und Wahrnehmungen zu kommunizieren.
- Es sollte innerhalb der Beziehung zu einem nichtbehinderten Menschen
geklärt werden, wann Unterstützung und Hilfe wie benötigt wird. Hier war vor
allem der Hinweis wichtig, dass jeder Mensch ExpertIn für das eigene Leben ist.
D.h. behinderte Menschen wünschen sich ernst genommen und als erwachsene
Menschen, die ihr Leben mit ihrer Behinderung meistern und selbst verantworten,
anerkannt zu werden. Sie wünschen sich vor allem von nichtbehinderten Menschen
die Balance zwischen der notwendigen Unterstützung und dem Vertrauen darauf,
dass manches, auch wenn es anders aussieht, oder anders bewältigt wird als
üblich, dennoch zu einem guten Ergebnis führt.
- Die nicht behinderten Teilnehmerinnen wünschten sich von den behinderten
Teilnehmerinnen Geduld im Umgang mit den bei nicht behinderten Menschen
üblichen Unsicherheiten und Fehlern im alltäglichen Umgang. Es ist schwierig
einzuschätzen, wann ein Mensch Hilfe benötigt und wann nicht. Die gute
Erziehung, die wir alle genossen haben, verpflichtet nicht behinderte Menschen
zu sofortigen manchmal reflexartigen Hilfeleistungen und dies wirkt sich häufig
in vorschnellen Reaktionen aus, die aber gut gemeint sind und nicht respektlos
oder abwertend ankommen sollen, häufig aber so wirken.
Beim nächsten Workshop möchten wir u.a. folgende Fragen aus den
Themenbereichen Beziehung bearbeiten:
- 1. Wie und wo lerne ich Menschen kennen, wenn ich Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation habe?
- 2. Wie haben meine bisherigen Beziehungen zu Eltern, Familie, Freunden, bisherigen LebenspartnerInnen meine Art Beziehungen zu gestalten, beeinflusst?
Abschließend haben wir festgehalten, dass die Behinderung in einer Beziehung
natürlich immer wider und auch latent Thema ist, je nach Beziehungsgestaltung
diese aber nicht automatisch dauerhaft beeinflusst.
Susanne bot an, den „Beziehungsworkshop“ während des nächsten Treffens der Autorinnen vorzubereiten und zu leiten.
Für den Samstag nachmittag hatte Marlis Reinhardt, Mitautorin, für ein
tolles touristisches Programm gesorgt, leider aber vergessen, Ihre Aufwartung bei Petrus zu machen.
So machten wir bei strömendem Regen eine Stadt- und Schlossführung in
Wernigerode. Die Fremdenführer gaben sich viel Mühe, sodass wir trotz klammer
Kleidung ein ungefähres Bild von der Stadt und dem Schloß mitnehmen konnten.
Wir erfuhren z.B., dass jährlich zweieinhalb Millionen Touristen nach
Wernigerode kommen und dass wir uns in der Stadt des Heiratens befanden.
Der Samstag abend gehörte noch einmal dem gemeinsamen Buch. Heike Herrmann
wünschte sich noch einmal eine Runde zu inhaltlichen Themen des Buches, wie es
auf die einzelne Autorin gewirkt hatte, da dies innerhalb der vielen
angerissenen Themen des Vorabends zu kurz gekommen war.
Wir freuten uns, über die schöne, ansprechende Art, über Inhalt, Ausgestaltung
und über einen wegweisenden Aspekt: „Ich bin blind, ich bin schön“. - „Bin ich
schön, weil ich mich gut und selbstbewusst fühle?“
Danach entwickelten wir eine gemeinsame Strategie, wie wir das Buch jede für
sich als Multiplikatorin und doch gemeinsam getragen in die Öffentlichkeit bringen können.
Der gemeinsame Abend endete mit dem Beschluss, ein weiteres Wochenendseminar
im Juni 2010 in Wernigerode abzuhalten. Dort wollen wir weiter über den Stand
des Buches sprechen, Susanne Aatz wird einen „Beziehungsworkshop“ anbieten und
Daniela Rink-Eitler schlug vor einen workshop rund um das Thema Düfte durchzuführen.
Am Sonntag morgen lösten wir gemeinsam unser Wochenendseminar auf und
stellten mehr oder weniger erstaunt fest, dass es innerhalb einer Atmosphäre
der gegenseitigen Wertschätzung stattgefunden hatte, innerhalb welcher jede
Dissonanz da sein durfte und nicht zu grundlegenden Störungen führte. „Der gute
alte Rogers“, merkte Heike an und erhielt den Auftrag einmal einige Titel von
Rogers herum zu mailen.
Einen Dank an Frau Herrmann, die mit viel Herzblut den Hauptanteil an diesem
Buch geschrieben hat. Sie spricht mit Authentizität und Ehrlichkeit über ihren
eigenen Erblindungsprozeß, sodass dieses Hörbuch auch hilfreich sein möchte. Wir
alle wünschen unserem „Baby“ Wachstum und Gedeihen und wollen – jede nach ihren
Möglichkeiten – als Multiplikatoren für dieses außergewöhnliche Hörbuch wirken.
Gisela Bechler
Einen herzlichen Dank an Gisela Bechler, für ihren wunderbaren Bericht, den
ich als Grundlage für diesen letztendlichen Bericht heran genommen habe und
dankeschön an Susanne Aatz für die Zusammenfassung des workshops.
Heike Herrmann
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